Follow:

Wie sich der Alltag verändert hat

Vor genau einem Monat kam das Ergebnis aus dem Genlabor. Direkt danach wurde ich ins DMP (Disease-Management-Programme) der Krankenkasse aufgenommen und mir wurde erklärt, wie es weitergeht. Ernährungsberatung, Arzttermine und und und. Da war mir aber noch nicht bewusst, dass diese Diagnose meinen Alltag so sehr verändern wird. Vier Wochen später ist mir klar, dass alles anders ist. Es liegen Wochen voller emotionaler Berg- und Talfahrten hinter mir. Der neue Begleiter hält mich ganz schön auf Trab.

Der Diabetes läuft nicht einfach so nebenher. Er ist immer da und setzt sich mit voller Wucht im Alltag fest. Die Präsenz und damit verbundenen Aufgaben und die neuen Abläufe fordern mich jeden Tag. Plötzlich ist die Eigenverantwortung wahnsinnig hoch. Ich muss Tag für Tag dafür sorgen, dass ich den Diabetes unter Kontrolle bekomme und nicht der Diabetes mich. Gut funktionieren tut das leider noch nicht. Fühlt sich momentan an wie ein zweiter Fulltimejob. Es gab in den vergangenen Wochen nur wenige gute Stunden und viele schlechte Tage, an denen das Mody-Monster stärker war als ich. Die Zeiten werden sich aber auch ändern, da hin ich sehr zuversichtlich.

Für mich ist es vor allem die psychische Belastung, die mir zu schaffen macht. Ich bin traurig und habe das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst. Tag und Nacht mache ich mir Gedanken, versuche zu akzeptieren und ungewohnte Situationen zu meistern, erstelle Pläne, zähle Kohlenhydrate, renne zum Sport, verbringe mehr Zeit als gewohnt im Supermarkt und schaue, dass die Werte im grünen Bereich sind. Es ist stressig und anstrengend. In den vergangenen Wochen gab es viele Tage, an denen es so gar nicht lief. Die Werte waren zu hoch und die Stimmung dementsprechend im Keller.

Der neue Alltag beginnt früher

Spätestens um 5:30 klingelt der Wecker, damit ich noch vor der Arbeit trainieren kann. Sport tut mir gut. Ich brauche den Ausgleich zum Bürojob. Die einzigen 1,5 Stunden des Tages, wo die sportliche Leistung und nicht der Dia im Vordergrund steht. Das Messgerät und Traubenzucker sind von jetzt an zwar immer dabei, aber bisher gab es noch keine Komplikationen. Leider setze ich mich im Moment selbst sehr unter Druck. Ich fühle mich direkt schlecht, wenn ich es mal einen Tag nicht zum Training schaffe. Wenn das Training aus Gründen mal ausfallen muss, führt es dazu, dass ich schlecht schlafe und mir den Kopf zerbreche. Wenn ich Sport machen, sind meine Werte super. Wenn ich keinen Sport mache, sind sie nicht besonders gut. Also versuche ich täglich zum Training zu gehen. Beim Training kontrolliere ich vor, nach und während des Trainings meine Werte. Sicher ist sicher.

Der Büroalltag

Das Arbeiten an sich hat sich natürlich nicht verändert. Alle Arbeitskollegen wissen vom Dia. Das war mir wichtig. Ich messe an meinem Platz und gehe dafür auch nicht extra ins Bad oder so. Wieso auch, das gehört jetzt dazu. Am Obstkorb, den es wöchentlich im Büro gibt, bediene ich mich nur noch selten. Wenn ich das Messgerät neben mir liegen sehe, verzichte ich lieber auf die zusätzlichen Kohlenhydrate. Über Smoothies, die es täglich gab, denke ich gar nicht mehr nach. Flüssiges Obst mag ich einfach nicht mehr. Plötzlich mag ich Dinge nicht mehr, die ich vor der Diagnose geliebt habe.

Wenn es im Büro mal stressig ist, kaufe ich mir eine Tafel Zartbitterschokolade. Während die anderen sich Mars, Snickers und Lebkuchen reinpfeifen, genieße ich meine Schoki mit 85 % Kakaoanteil. Yeah. Um mich danach, tada, schlecht zu fühlen! Ständig fühle ich mich schlecht. Mist, viele Kohlenhydrate. Aber so schlimm wird’s nicht sein. Ein Stück. Das schlechte Gefühl bleibt. Leider.

Am Abend

Nachdem ich mir ja schon den ganzen Tag Gedanken ums Essen gemacht habe, muss jetzt noch das Abendessen vorbereiten werden. Wenn’s nur das wäre. Auch das Mittagessen für den nächsten Tag steht auf meiner To-Do-Liste. Immer frisch und nach Rezept. Ich verbringe meine Abende seit der Diagnose also in der Küche. Entspannt auf der Couch liegen? Fehlanzeige. Stattdessen koche ich ein Rezept nach dem anderen, wiege Lebensmittel und hoffe, dass ich vor 22 Uhr fertig bin. Um 5:30 Uhr geht es ja wieder raus aus den Federn.

Ich habe keine Zeit mich auszuruhen, etwas zu unternehmen oder einfach mal Zeit mit meinem Partner zu verbringen. Der Tag ist von morgens bis abends komplett durchgetaktet. Als vergangene Woche die Office-Weihnachtsfeier anstand und am Tag zuvor ein Konzert, fehlte mir zwei Tage in Folge die Zeit am Abend. Der Plan ging zum ersten Mal seit der Diagnose nicht auf und das gleich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Kein Mittagessen =  schlechte Laune. Ein verdammter zweiter Fulltimejob, der ohne Plan nicht funktioniert und mir (noch) den letzten Nerv raubt.

Mein neuer Alltag macht mich ehrlich gesagt ziemlich fertig. Körperlich und auch psychisch verlangt er mir jeder Tag alles ab. Dennoch versuche ich stark zu sein. Irgendwann werde ich stärker sein als das Mody-Monster. Es muss sich alles einspielen. Zeit muss vergehen und dann wird alles gut. Ganz bestimmt.

Share:
Previous Post Next Post

Related Posts